Chancen_Globalisierung

 

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Werner Mauch

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am UNESCO-Institut für Pädagogik, Hamburg

 

Möglichkeiten und Aufgaben für Bildungsarbeit im Zeichen der Globalisierung: Wo liegen die positiven Aspekte, welche Chancen bietet der Globalisierungsprozess?

Ich habe gerne die Aufgabe übernommen, hier etwas über die positiven Aspekte der Globalisierung und deren Auswirkungen auf die Bildungsarbeit zu sagen. Das UNESCO-Institut für Pädagogik ist als Forschungs-, Dokumentations- und Publikationszentrum insbesondere in den Bereichen Erwachsenenbildung, Erwachsenenalphabetisierung und non-formale Bildungsarbeit mit einem weltweiten Horizont tätig und engagiert sich seit mittlerweile fast 30 Jahren in der Förderung des Konzepts des Lebenslangen Lernens. Ich möchte die Frage der positiven Aspekte der Globalisierung für die Bildungsarbeit in diesem Rahmen umreißen, d.h., aufzeigen, inwiefern der vielbeschworene Globalisierungsprozess dazu beiträgt, Lernmöglichkeiten und Lernprozesse außerhalb des formalen Bildungssystems, also Schule und Universitäten in ihrer herkömmlichen Form, zu fördern und zu gestalten. 

Wobei ich mich hier nicht als glühenden Anhänger oder Verfechter der Globalisierung bezeichnen oder mich gleichsam als solchen ‘outen’ möchte. Es gibt viele gute Gründe, den Globalisierungsprozess, der sich auf vielen unterschiedlichen Ebenen abspielt, kritisch zu betrachten und mein Kollege ist darauf ja schon eingegangen. Die Demonstrationen und Auseinandersetzungen im Zusammenhang der Konferenz des Weltwährungsfonds in Seattle letztes Jahr haben z.B. ein sehr notwendiges öffentlichkeitswirksames Schlaglicht auf die Probleme und Gefahren geworfen, die gerade der ökonomische Globalisierungsprozess mit sich bringt. Wir wissen, dass die Globalisierung auch ihre großen Schattenseiten hat und wir betrachten sie sinnvollerweise nicht nur von der Perspektive ihrer Gewinner oder Profiteure aus, sondern auch und gerade aus der Perspektive der Globalisierungsverlierer. 

Vor diesem Hintergrund möchte ich insbesondere auf die Chancen hinweisen, die der Globalisierungsprozess für die Förderung des Lebenslangen Lernens auf der ganzen Welt mit sich bringt.

Es ist in der Kürze der Zeit hier schwer möglich, eine umfassende Klärung des Begriffs “Globalisierung” zu leisten, ich möchte deswegen für unsere Zwecke hier Globalisierung als einen zunächst ökonomisch begründeten Prozess verstehen, mit mehr oder weniger tiefgreifenden Konsequenzen für Politik und Kultur, der sich auszeichnet durch einen weltweiten Abbau von Handelsschranken und somit zunehmende Verflechtung der Märkte bzw. des Weltmarkts, damit zusammenhängend die Bedeutung und wachsende Macht der internationalen Kapitalströme und ihre Auswirkungen auf Investitionstätigkeiten und nationale Arbeitsmärkte. Der Begriff “Markt” in einer breiten Bedeutung bietet zum Verständnis der Globalisierung dabei einen geeigneten Schlüssel. Der Abbau von Schranken in sehr unterschiedlichen Bereichen stellt meiner Meinung nach den bedeutendsten Aspekt der Globalisierung dar. Dabei entstehen neue Märkte nicht nur im ökonomischen Sinn, sondern auch im sozi-politischen und soziokulturellen Sinn. Nicht nur der Austausch von Waren, Dienstleistungen und Geld vereinfacht sich, sondern auch der Austausch von Ideen, Wissen und natürlich in gewissem Umfang auch die Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten, im konkreten wie im übertragenen Sinn. 

Die Entwicklung und stürmische Verbreitung neuer Kommunikations- und Informationstechniken spielt dabei eine zentrale Rolle.  Die ‘New Economy’ ist mit ihrem Einsatz des Internet zum vielzitierten Flaggschiff und Leuchtturm der ökonomischen Globalisierung geworden. (Auf den internationalen Aktienmärkten erfährt man allerdings momentan überdeutlich, dass dabei längst nicht alles Gold ist, was einmal geglänzt hat.). Ich möchte mich im Folgenden zunächst im wesentlichen auf einen Teilaspekt der Globalisierung konzentrieren, nämlich der Frage, inwieweit die Verbreitung der neuen Informations- und Kommunikationstechniken neue Lernmöglichkeiten schafft und dadurch lebenslanges Lernen fördert.

Ich möchte nun etwas genauer drei spezifische Chancen aufzeigen, die der Globalisierungsprozess für konkrete Lernprozesse bietet:

Chance Nr. 1: Leichter Zugang zu Information und Wissensbeständen:

Durch die rasante Verbreitung des Internet ist es heute für diejenigen, die über die notwendige Ausrüstung verfügen, sehr einfach geworden, Zugang zu riesigen Informations- und Wissensbeständen zu bekommen. Wer will, hat Zugang zu einer Unzahl von Datenbanken, zu Informations- und Dokumentationszentren und Bibliotheken, es gibt ein ungeheueres Angebot von Fachzeitschriften im Netz, von Publikumszeitschriften ganz zu schweigen, keine Zeitung und kein Magazin, das etwas auf sich hält, kann heute auf seinen Online-Auftritt verzichten, wobei mehr und mehr die vollständigen Printausgaben über das Netz zugänglich sind. Nutzerfreundliche und zunehmend standardisierte Suchdienste erleichtern die Recherche kolossal. Fachspezifische Recherchedienste erschließen problemlos und in der Regel kostengünstig die Wissensbestände einzelner Fachdisziplinen. Zumindest die Kataloge von Bibliotheken sind heute problemlos weltweit zugänglich, und zunehmend werden auch komplette Literaturbestände zugänglich gemacht. Es steht dabei natürlich außer Frage, dass der Zugang zu Wissen nicht automatisch dieses Wissen auch in die Köpfe der Menschen schafft, aber genau dazwischen steht ja der Lernprozess. Die Aneignung und sinnvolle Verarbeitung von Informations- und Wissensbeständen ist natürlich die Aufgabe und Tätigkeit der Lerner, der lernenden Menschen. Aber es ist wohl evident, dass durch die vereinfachte Bereitstellung von Wissensbeständen eine wesentliche Voraussetzung für Lernprozesse geschaffen wird. Und es lässt sich durchaus darüber nachdenken, inwieweit das Internet einen Beitrag zur Herstellung von sogenannten ‘literate environments’ leisten kann, also einer Struktur, die dabei hilft, Lese- und Schreibfähigkeiten nachdem sie (z.b. durch Alphabetisierungsarbeit) erlernt wurden, auch zu praktizieren, so dass diese Fähigkeiten nicht mangels Praxis wieder verloren gehen. Diese ‘literate environments’ sind stets ein zentraler Bestandteil der sogenannten Nach- Alphabetisierungsarbeit (post literacy), auf die sinnvolle und vor allem nachhaltige Alphabetisierungsarbeit zentral angewiesen ist. Dass durch die schlichte Bereitstellung von entsprechender Technik auch sehr komplexes Lernen gefördert wird, unterstreicht das berühmte Beispiel aus Indien, wo durch einfaches Aufstellen eines Computers und einer Maus junge Menschen dazu animiert wurden, sich vollkommen selbständig und ohne Anleitung mit dieser Technik zu beschäftigen, was dazu führte, dass sie eigenständig sich einfache Programmierungstechniken zur Herstellung von Internetseiten aneigneten. Dass auch die Kosten für die notwendige Hardware kein unüberwindliches Hindernis auch für die armen Weltregionen darstellen muss, beweisen Initiativen wie z.B. in Bangladesh, die sich um den Aufbau von Netzwerken im ländlichen Raum bemühen und dafür die Herstellung einfacher Hardware, sogenannter “Sim-puters” (von “simple computer” für sehr viel geringere Kosten als herkömmliche Hardware fördert.

Chance Nr. 2: Verbesserte Veröffentlichungsmöglichkeiten

Das Internet erleichtert nicht nur den Zugang zu Wissen und Information von Seiten der Nutzer oder der Nachfrageseite, sondern auch die ausgesprochen einfache und kostengünstige Verbreitung von Wissen und neuen Erkenntnissen auf der Angebotsseite. Nicht nur Forschungsergebnisse können durch das Internet schnell und unproblematisch einem praktisch unbegrenzten Publikum zur Verfügung gestellt werden, dies gilt natürlich praktisch für Informationen und Publikationen aller Art und unterschiedlichster Komplexität. Einmal ins Netz gestellt sind Informationen auf einen Schlag praktisch weltweit verfügbar und durch die Nutzung der schon erwähnten Such- und Aufbereitungsdienste auch spezifisch anbietbar. Dadurch sind der Verbreitung von (neuen oder auch ‘gebrauchten’ oder ‘geborgten’) Ideen und Erkenntnissen praktisch keine Grenzen gesetzt. Jedermann und jede Frau ist heute mit verhältnismäßig einfachen Mitteln in der Lage, eigene Gedanken und Vorstellungen nicht nur Freunden und Nachbarn, sondern gleich der ganzen Welt mitzuteilen und darüber auch, sofern gewünscht, in einen Austausch zutreten. Dadurch bildet das Internet nicht nur einen enormen Markt zum Angebot von Waren und Dienstleistungen, sondern auch zum Austausch von Ideen, Wissen und Erkenntnissen. Dieses steht dann auch im Zusammenhang der

Chance Nr. 3: Verbesserte Vernetzungsmöglichkeiten

Durch das Internet ist es heute sehr viel einfacher geworden, mit Menschen in auch sehr weit entfernten Weltgegenden in einen unkomplizierten, direkten, schnellen und sehr kostengünstigen Kontakt zu treten. Das Internet erleichtert kolossal, Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen nicht nur aufzuspüren, sondern auch mit ihnen zu kommunizieren und Netzwerke aufzubauen. Die einfache LISTSERV-Technik ermöglicht raschen und unkomplizierten Informationsaustausch innerhalb eines Netzwerks praktisch beliebiger Größe, sogenannte Chaträume können zu den unterschiedlichsten Interessengebieten angeboten werden. Dies gilt natürlich nicht nur zum Austausch von persönlichen Fragen und Anliegen, sondern auch zur Bildung von Interessengruppen über alle möglichen Fachdiskussionen. NB: Ich bin mir durchaus bewusst, dass möglicherweise die große Überzahl der weltweit existierenden Chaträume keineswegs dem hochansprüchlichen Austausch von Fachinformationen im Sinne der allumfassenden Lust zu Lernen dient, sondern viel bodenständiger dem - möglichst anonymen - Austausch und unkomplizierten Kontakt zur Befriedigung etwas schlichterer Gelüste. Gleichwohl leisten solche Diskussionsforen wie z.B. diverse regionale von UNAIDS angebotene LISTSERVs einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung von neuen Erkenntnissen im Bereich HIV/AIDS und schaffen Kontakt zu Menschen, die im Bereich der Präventionsarbeit tätig sind, Informationen über Aktivitäten oder Konferenzen sind schnell verfügbar und gezielt verbreitbar. Das Internet hilft auch beim Aufbau und der Arbeit von weltweiten Projektarbeitsgruppen. Dokumente, Literatur und Arbeitsprogramme können hier nicht nur ausgetauscht sondern auch gemeinsam erarbeitet werden, ohne dass alle Mitglieder der Gruppe an einem Ort körperlich präsent sein müssen. Andererseits sind Informationen von den Mitgliedern, auch wenn sie auf Reisen sind, überall auf der Welt, wo ein Internetanschluss ist, auch in der Regel problemlos verfügbar.

Vor dem Hintergrund dieser kleinen Aufzählung von Chancen, die der Globalisierungsprozess für konkrete Lernprozesse von Menschen bietet, gilt es nun also, zu überlegen, welche Aufgabe der Bildungsarbeit dabei zugeschrieben werden kann, welches, nun einmal herkömmlich pädagogisch gesprochen, Richtlernziel könnte sich die Bildungsarbeit und auch die Bildungspolitik im Sinne einer weltweiten Förderung des Lebenslangen Lernens nun setzen?

Wenn von Chancen gesprochen wird, erhebt sich die Frage der Chancengleichheit, d.h., inwieweit haben Menschen weltweit die Möglichkeit, solche gebotenen Chancen auch tatsächlich zu nutzen? Wir sind natürlich von einer solchen Chancengleichheit weit entfernt, und es ist keineswegs von der Hand zu weisen, dass der wirtschaftliche Globalisierungsprozess seinen Teil dazu beiträgt, die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter zu vertiefen, dies gilt sowohl für die Situation innerhalb von einzelnen Ländern als auch für die weltweite Verteilung des Reichtums bzw. der Armut. Es gibt neben den Gewinnern eben auch die Globalisierungsverlierer. Auf den verflochtenen Märkten entstehen nicht nur mehr Angebot und Nachfrage, sondern auch verschärfte Konkurrenzbedingungen vor allem zu Lasten der sowieso schon Benachteiligten. Die Schere zwischen dem reichen Norden und dem krass benachteiligten Süden schließt sich keineswegs. Und war man z.B. 1990 noch davon überzeugt, innerhalb von zehn Jahren einen sehr substanziellen Durchbruch in Richtung “Grundbildung für Alle” durch eine weltweite Anstrengung im Grundbildungsbereich zu ereichen, musste zehn Jahre später dieses Ziel insofern modifiziert werden, dass man nunmehr innerhalb der nächsten 15 Jahre eine Reduzierung der weltweiten Analphabetenrate um 50% anstrebt. Man darf deswegen keinesfalls im Bemühen nachlassen, durch sinnvolle Alphabetisierungsarbeit diesem Ziel näher zu kommen. Gerade in einer zusammenwachsenden Welt gilt es, diese Welt eben als eine Welt zu begreifen und praktische Solidarität zu praktizieren - auch und gerade im Interesse derjenigen, die sich bisher auf der Gewinnerseite sehen. In Deutschland erleben wir den überraschenden Vorgang, dass gerade die neuen Techniken eine Nachfrage nach Kompetenzen ausgelöst haben, die aus eigenen Ressourcen nicht zu befriedigen ist. Spezialisten aus Indien und Osteuropa sollten die Lücke füllen und das reiche - aber eben auch ziemlich bornierte - Deutschland reibt sich die Augen angesichts der Tatsache, dass die gnädig Eingeladenen keineswegs in Massen herbeigeströmt kommen. Gleichwohl trägt diese Nachfrage entscheidend dazu bei, die Frage der Einwanderung insgesamt neu zu überdenken und man merkt, dass es auch anderswo gut ausgebildete Menschen gibt. Dieses zeigt doch, dass Bildungsarbeit ein entscheidender Baustein in der internationalen Entwicklung ist und sich durch die neuen Techniken auch neue Chancen auftun.

Insgesamt muss es wohl darum gehen, die Frage der Chancengleichheit nicht einem schrankenlosen globalisierten Markt zu opfern, sondern umgekehrt dafür Sorge zu tragen, dass die Menschen mit den neuen Möglichkeiten, die sich ihnen, wenn auch unter immer komplexeren Bedingungen,  bieten, auch zurecht kommen, die Chancen, die sich bieten, auch wahrnehmen können. Insofern stellt die Globalisierung eine ungeheuere Herausforderung an die Bildung und die Bildungsarbeit, aber auch eine große Chance für sie dar. Die Förderung von Lernaktivitäten und Lernprozessen, gerade unter Nutzung der Globalisierungseffekte und der neuen Techniken scheint mir das Gebot der Stunde. Wenn es gelänge, Menschen in sehr viel verstärktem Maße zur aktiven Teilnahme an der Gestaltung ihrer Lebenswelten bzw. ihrer Gesellschaften zu befähigen, wenn man dafür sorgt, dass sie sich die Voraussetzungen im Sinne von sozialen, aber auch im weiteren Sinne technischen Kompetenzen gerade auch unter Einschluss der Grundbildung verschaffen können, kann die Globalisierung geradezu ein leistungsfähiger und unverzichtbarer Motor der weltweiten Entwicklung sein.

 

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