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Möglichkeiten
und Aufgaben für Bildungsarbeit im Zeichen der Globalisierung: Wo liegen die
positiven Aspekte, welche Chancen bietet der Globalisierungsprozess? Ich habe gerne die Aufgabe übernommen, hier etwas über die positiven Aspekte der Globalisierung und deren Auswirkungen auf die Bildungsarbeit zu sagen. Das UNESCO-Institut für Pädagogik ist als Forschungs-, Dokumentations- und Publikationszentrum insbesondere in den Bereichen Erwachsenenbildung, Erwachsenenalphabetisierung und non-formale Bildungsarbeit mit einem weltweiten Horizont tätig und engagiert sich seit mittlerweile fast 30 Jahren in der Förderung des Konzepts des Lebenslangen Lernens. Ich möchte die Frage der positiven Aspekte der Globalisierung für die Bildungsarbeit in diesem Rahmen umreißen, d.h., aufzeigen, inwiefern der vielbeschworene Globalisierungsprozess dazu beiträgt, Lernmöglichkeiten und Lernprozesse außerhalb des formalen Bildungssystems, also Schule und Universitäten in ihrer herkömmlichen Form, zu fördern und zu gestalten. Wobei ich mich hier nicht als glühenden Anhänger oder Verfechter der Globalisierung bezeichnen oder mich gleichsam als solchen ‘outen’ möchte. Es gibt viele gute Gründe, den Globalisierungsprozess, der sich auf vielen unterschiedlichen Ebenen abspielt, kritisch zu betrachten und mein Kollege ist darauf ja schon eingegangen. Die Demonstrationen und Auseinandersetzungen im Zusammenhang der Konferenz des Weltwährungsfonds in Seattle letztes Jahr haben z.B. ein sehr notwendiges öffentlichkeitswirksames Schlaglicht auf die Probleme und Gefahren geworfen, die gerade der ökonomische Globalisierungsprozess mit sich bringt. Wir wissen, dass die Globalisierung auch ihre großen Schattenseiten hat und wir betrachten sie sinnvollerweise nicht nur von der Perspektive ihrer Gewinner oder Profiteure aus, sondern auch und gerade aus der Perspektive der Globalisierungsverlierer. Vor diesem Hintergrund möchte ich insbesondere auf die Chancen hinweisen, die der Globalisierungsprozess für die Förderung des Lebenslangen Lernens auf der ganzen Welt mit sich bringt. Es ist
in der Kürze der Zeit hier schwer möglich, eine umfassende Klärung des
Begriffs “Globalisierung” zu leisten, ich möchte deswegen für unsere
Zwecke hier Globalisierung als einen zunächst ökonomisch begründeten
Prozess verstehen, mit mehr oder weniger tiefgreifenden Konsequenzen für
Politik und Kultur, der sich auszeichnet durch einen weltweiten Abbau von
Handelsschranken und somit zunehmende Verflechtung der Märkte bzw. des
Weltmarkts, damit zusammenhängend die Bedeutung und wachsende Macht der
internationalen Kapitalströme und ihre Auswirkungen auf Investitionstätigkeiten
und nationale Arbeitsmärkte. Der Begriff “Markt” in einer breiten
Bedeutung bietet zum Verständnis der Globalisierung dabei einen geeigneten
Schlüssel. Der Abbau von Schranken in sehr unterschiedlichen Bereichen stellt
meiner Meinung nach den bedeutendsten Aspekt der Globalisierung dar. Dabei
entstehen neue Märkte nicht nur im ökonomischen Sinn, sondern auch im
sozi-politischen und soziokulturellen Sinn. Nicht nur der Austausch von Waren,
Dienstleistungen und Geld vereinfacht sich, sondern auch der Austausch von
Ideen, Wissen und natürlich in gewissem Umfang auch die Möglichkeit, Grenzen
zu überschreiten, im konkreten wie im übertragenen Sinn. Die
Entwicklung und stürmische Verbreitung neuer Kommunikations- und
Informationstechniken spielt dabei eine zentrale Rolle.
Die ‘New Economy’ ist mit ihrem Einsatz des Internet zum
vielzitierten Flaggschiff und Leuchtturm der ökonomischen Globalisierung
geworden. (Auf den internationalen Aktienmärkten erfährt man allerdings
momentan überdeutlich, dass dabei längst nicht alles Gold ist, was einmal
geglänzt hat.). Ich möchte mich im Folgenden zunächst im wesentlichen auf
einen Teilaspekt der Globalisierung konzentrieren, nämlich der Frage,
inwieweit die Verbreitung der neuen Informations- und Kommunikationstechniken
neue Lernmöglichkeiten schafft und dadurch lebenslanges Lernen fördert. Ich möchte
nun etwas genauer drei spezifische Chancen aufzeigen, die der
Globalisierungsprozess für konkrete Lernprozesse bietet: Chance
Nr. 1: Leichter Zugang zu Information und Wissensbeständen: Durch
die rasante Verbreitung des Internet ist es heute für diejenigen, die über
die notwendige Ausrüstung verfügen, sehr einfach geworden, Zugang zu
riesigen Informations- und Wissensbeständen zu bekommen. Wer will, hat Zugang
zu einer Unzahl von Datenbanken, zu Informations- und Dokumentationszentren
und Bibliotheken, es gibt ein ungeheueres Angebot von Fachzeitschriften im
Netz, von Publikumszeitschriften ganz zu schweigen, keine Zeitung und kein
Magazin, das etwas auf sich hält, kann heute auf seinen Online-Auftritt
verzichten, wobei mehr und mehr die vollständigen Printausgaben über das
Netz zugänglich sind. Nutzerfreundliche und zunehmend standardisierte
Suchdienste erleichtern die Recherche kolossal. Fachspezifische
Recherchedienste erschließen problemlos und in der Regel kostengünstig die
Wissensbestände einzelner Fachdisziplinen. Zumindest die Kataloge von
Bibliotheken sind heute problemlos weltweit zugänglich, und zunehmend werden
auch komplette Literaturbestände zugänglich gemacht. Es steht dabei natürlich
außer Frage, dass der Zugang zu Wissen nicht automatisch dieses Wissen auch
in die Köpfe der Menschen schafft, aber genau dazwischen steht ja der
Lernprozess. Die Aneignung und sinnvolle Verarbeitung von Informations- und
Wissensbeständen ist natürlich die Aufgabe und Tätigkeit der Lerner, der
lernenden Menschen. Aber es ist wohl evident, dass durch die vereinfachte
Bereitstellung von Wissensbeständen eine wesentliche Voraussetzung für
Lernprozesse geschaffen wird. Und es lässt sich durchaus darüber nachdenken,
inwieweit das Internet einen Beitrag zur Herstellung von sogenannten
‘literate environments’ leisten kann, also einer Struktur, die dabei
hilft, Lese- und Schreibfähigkeiten nachdem sie (z.b. durch
Alphabetisierungsarbeit) erlernt wurden, auch zu praktizieren, so dass diese Fähigkeiten
nicht mangels Praxis wieder verloren gehen. Diese ‘literate environments’
sind stets ein zentraler Bestandteil der sogenannten Nach-
Alphabetisierungsarbeit (post literacy), auf die sinnvolle und vor allem
nachhaltige Alphabetisierungsarbeit zentral angewiesen ist. Dass durch die
schlichte Bereitstellung von entsprechender Technik auch sehr komplexes Lernen
gefördert wird, unterstreicht das berühmte Beispiel aus Indien, wo durch
einfaches Aufstellen eines Computers und einer Maus junge Menschen dazu
animiert wurden, sich vollkommen selbständig und ohne Anleitung mit dieser
Technik zu beschäftigen, was dazu führte, dass sie eigenständig sich
einfache Programmierungstechniken zur Herstellung von Internetseiten
aneigneten. Dass auch die Kosten für die notwendige Hardware kein unüberwindliches
Hindernis auch für die armen Weltregionen darstellen muss, beweisen
Initiativen wie z.B. in Bangladesh, die sich um den Aufbau von Netzwerken im ländlichen
Raum bemühen und dafür die Herstellung einfacher Hardware, sogenannter
“Sim-puters” (von “simple computer” für sehr viel geringere Kosten
als herkömmliche Hardware fördert. Chance
Nr. 2: Verbesserte Veröffentlichungsmöglichkeiten Das
Internet erleichtert nicht nur den Zugang zu Wissen und Information von Seiten
der Nutzer oder der Nachfrageseite, sondern auch die ausgesprochen einfache
und kostengünstige Verbreitung von Wissen und neuen Erkenntnissen auf der
Angebotsseite. Nicht nur Forschungsergebnisse können durch das Internet
schnell und unproblematisch einem praktisch unbegrenzten Publikum zur Verfügung
gestellt werden, dies gilt natürlich praktisch für Informationen und
Publikationen aller Art und unterschiedlichster Komplexität. Einmal ins Netz
gestellt sind Informationen auf einen Schlag praktisch weltweit verfügbar und
durch die Nutzung der schon erwähnten Such- und Aufbereitungsdienste auch
spezifisch anbietbar. Dadurch sind der Verbreitung von (neuen oder auch
‘gebrauchten’ oder ‘geborgten’) Ideen und Erkenntnissen praktisch
keine Grenzen gesetzt. Jedermann und jede Frau ist heute mit verhältnismäßig
einfachen Mitteln in der Lage, eigene Gedanken und Vorstellungen nicht nur
Freunden und Nachbarn, sondern gleich der ganzen Welt mitzuteilen und darüber
auch, sofern gewünscht, in einen Austausch zutreten. Dadurch bildet das
Internet nicht nur einen enormen Markt zum Angebot von Waren und
Dienstleistungen, sondern auch zum Austausch von Ideen, Wissen und
Erkenntnissen. Dieses steht dann auch im Zusammenhang der Chance
Nr. 3: Verbesserte Vernetzungsmöglichkeiten Durch
das Internet ist es heute sehr viel einfacher geworden, mit Menschen in auch
sehr weit entfernten Weltgegenden in einen unkomplizierten, direkten,
schnellen und sehr kostengünstigen Kontakt zu treten. Das Internet
erleichtert kolossal, Menschen mit gleichen oder ähnlichen Interessen nicht
nur aufzuspüren, sondern auch mit ihnen zu kommunizieren und Netzwerke
aufzubauen. Die einfache LISTSERV-Technik ermöglicht raschen und
unkomplizierten Informationsaustausch innerhalb eines Netzwerks praktisch
beliebiger Größe, sogenannte Chaträume können zu den unterschiedlichsten
Interessengebieten angeboten werden. Dies gilt natürlich nicht nur zum
Austausch von persönlichen Fragen und Anliegen, sondern auch zur Bildung von
Interessengruppen über alle möglichen Fachdiskussionen. NB: Ich bin mir
durchaus bewusst, dass möglicherweise die große Überzahl der weltweit
existierenden Chaträume keineswegs dem hochansprüchlichen Austausch von
Fachinformationen im Sinne der allumfassenden Lust zu Lernen dient, sondern
viel bodenständiger dem - möglichst anonymen - Austausch und unkomplizierten
Kontakt zur Befriedigung etwas schlichterer Gelüste. Gleichwohl leisten
solche Diskussionsforen wie z.B. diverse regionale von UNAIDS angebotene
LISTSERVs einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung von neuen Erkenntnissen im
Bereich HIV/AIDS und schaffen Kontakt zu Menschen, die im Bereich der Präventionsarbeit
tätig sind, Informationen über Aktivitäten oder Konferenzen sind schnell
verfügbar und gezielt verbreitbar. Das Internet hilft auch beim Aufbau und
der Arbeit von weltweiten Projektarbeitsgruppen. Dokumente, Literatur und
Arbeitsprogramme können hier nicht nur ausgetauscht sondern auch gemeinsam
erarbeitet werden, ohne dass alle Mitglieder der Gruppe an einem Ort körperlich
präsent sein müssen. Andererseits sind Informationen von den Mitgliedern,
auch wenn sie auf Reisen sind, überall auf der Welt, wo ein Internetanschluss
ist, auch in der Regel problemlos verfügbar. Vor
dem Hintergrund dieser kleinen Aufzählung von Chancen, die der
Globalisierungsprozess für konkrete Lernprozesse von Menschen bietet, gilt es
nun also, zu überlegen, welche Aufgabe der Bildungsarbeit dabei zugeschrieben
werden kann, welches, nun einmal herkömmlich pädagogisch gesprochen,
Richtlernziel könnte sich die Bildungsarbeit und auch die Bildungspolitik im
Sinne einer weltweiten Förderung des Lebenslangen Lernens nun setzen? Wenn
von Chancen gesprochen wird, erhebt sich die Frage der Chancengleichheit,
d.h., inwieweit haben Menschen weltweit die Möglichkeit, solche gebotenen
Chancen auch tatsächlich zu nutzen? Wir sind natürlich von einer solchen
Chancengleichheit weit entfernt, und es ist keineswegs von der Hand zu weisen,
dass der wirtschaftliche Globalisierungsprozess seinen Teil dazu beiträgt,
die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter zu vertiefen, dies gilt sowohl für
die Situation innerhalb von einzelnen Ländern als auch für die weltweite
Verteilung des Reichtums bzw. der Armut. Es gibt neben den Gewinnern eben auch
die Globalisierungsverlierer. Auf den verflochtenen Märkten entstehen nicht
nur mehr Angebot und Nachfrage, sondern auch verschärfte
Konkurrenzbedingungen vor allem zu Lasten der sowieso schon Benachteiligten.
Die Schere zwischen dem reichen Norden und dem krass benachteiligten Süden
schließt sich keineswegs. Und war man z.B. 1990 noch davon überzeugt,
innerhalb von zehn Jahren einen sehr substanziellen Durchbruch in Richtung
“Grundbildung für Alle” durch eine weltweite Anstrengung im
Grundbildungsbereich zu ereichen, musste zehn Jahre später dieses Ziel
insofern modifiziert werden, dass man nunmehr innerhalb der nächsten 15 Jahre
eine Reduzierung der weltweiten Analphabetenrate um 50% anstrebt. Man darf
deswegen keinesfalls im Bemühen nachlassen, durch sinnvolle
Alphabetisierungsarbeit diesem Ziel näher zu kommen. Gerade in einer
zusammenwachsenden Welt gilt es, diese Welt eben als eine Welt zu begreifen
und praktische Solidarität zu praktizieren - auch und gerade im Interesse
derjenigen, die sich bisher auf der Gewinnerseite sehen. In Deutschland
erleben wir den überraschenden Vorgang, dass gerade die neuen Techniken eine
Nachfrage nach Kompetenzen ausgelöst haben, die aus eigenen Ressourcen nicht
zu befriedigen ist. Spezialisten aus Indien und Osteuropa sollten die Lücke füllen
und das reiche - aber eben auch ziemlich bornierte - Deutschland reibt sich
die Augen angesichts der Tatsache, dass die gnädig Eingeladenen keineswegs in
Massen herbeigeströmt kommen. Gleichwohl trägt diese Nachfrage entscheidend
dazu bei, die Frage der Einwanderung insgesamt neu zu überdenken und man
merkt, dass es auch anderswo gut ausgebildete Menschen gibt. Dieses zeigt
doch, dass Bildungsarbeit ein entscheidender Baustein in der internationalen
Entwicklung ist und sich durch die neuen Techniken auch neue Chancen auftun. Insgesamt muss es wohl darum gehen, die Frage der Chancengleichheit nicht einem schrankenlosen globalisierten Markt zu opfern, sondern umgekehrt dafür Sorge zu tragen, dass die Menschen mit den neuen Möglichkeiten, die sich ihnen, wenn auch unter immer komplexeren Bedingungen, bieten, auch zurecht kommen, die Chancen, die sich bieten, auch wahrnehmen können. Insofern stellt die Globalisierung eine ungeheuere Herausforderung an die Bildung und die Bildungsarbeit, aber auch eine große Chance für sie dar. Die Förderung von Lernaktivitäten und Lernprozessen, gerade unter Nutzung der Globalisierungseffekte und der neuen Techniken scheint mir das Gebot der Stunde. Wenn es gelänge, Menschen in sehr viel verstärktem Maße zur aktiven Teilnahme an der Gestaltung ihrer Lebenswelten bzw. ihrer Gesellschaften zu befähigen, wenn man dafür sorgt, dass sie sich die Voraussetzungen im Sinne von sozialen, aber auch im weiteren Sinne technischen Kompetenzen gerade auch unter Einschluss der Grundbildung verschaffen können, kann die Globalisierung geradezu ein leistungsfähiger und unverzichtbarer Motor der weltweiten Entwicklung sein.
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