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GALTUNG: „Die Ursachen von Gewalt und der Weg zur Versöhnung“Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe VeranstalterInnen. Es war für heute eigentlich eine Vorlesung über die Ursachen der Gewalt geplant. Dieses Thema ist sehr aktuell. Ich werde also damit anfangen, eine ganz kurze Fassung der Vorlesung, die ich eigentlich geplant hatte, zu geben und gehe dann direkt auf heutige Lage ein. Polarisierung und EnthumanisierungGewalt ist eingetroffen und es stellt sich die Frage, wenn dies bereits die Phase drei ist, wie die Phase eins und zwei aussieht. Was hat vorher stattgefunden? Die Idee, dass Gewalt biologisch genetisch angelegt ist, ist einfach Wahnsinn. Genauso wahnsinnig ist die Idee, dass Frieden schon vorgeplant ist. Sie sind vielmehr als Ergebnis zu sehen und von Strukturen und Ursachen abhängig. Wenn also die eingetroffene Gewalt Phase drei darstellt, was ist nun Phase zwei? Ich würde sagen, Phase zwei ist die Enthumanisierung. Man sieht einen Teil der Menschheit als Nichtmenschen an. Es ist nicht, dass sie nicht wie Menschen aussehen, aber man teilt sie ein in Kategorien wie Amerikaner oder Terroristen zum Beispiel, und einer dieser Kategorien hat man die Menschlichkeit abgesprochen. Diese Polarisierung und Enthumanisierung kann man mit einer Spirale von Aufrüstung kombinieren, dann bekommt man einen sogenannten ‚Kalten Krieg’. Das haben wir schon gehabt. Wir haben das durchgestanden und wir haben es gemeistert, in dem Sinne, dass es nicht zu einem ‚Heißen Krieg’ gekommen ist. Ich möchte hier die These vertreten, dass dies zu 80% der Friedensbewegung zu verdanken ist und zwar in Ost und West. Dazu gehört der Widerstand in den Oststaaten gegen den Poststalinismus und der Widerstand in den Weststaaten gegen den Nuklearismus. Man hat einen Erfolg gehabt, ich komme darauf später zurück. Wenn also diese Polarisierung und Enthumanisierung die Phase zwei ist, wie sieht dann Phase eins aus? Phase eins sind die Konflikte, die nicht gelöst sind. Die Konflikte ohne Lösung sind trotzdem vorhanden, sie sind dort unten oder hinten, wie eine tiefe Wunde. Vielleicht gibt es einen Verband, so dass man die Wunde nicht sieht, aber der Konflikt ist immer noch da. Ein Konflikt besteht aus Zielsetzungen, die unvereinbar sind oder zumindest so aussehen. Konflikt ist noch nicht dasselbe wie Gewalt, ein Konflikt ist im gewissen Sinne eher eine abstrakte Sache, ein Widerspruch, der ganz häufig in Hass und in gewalttätige Verfahrensweisen umschlägt. Es gibt also Konflikte, die nicht transformiert sind, die ganz tief und fest verankert da sind aber ohne Lösung bleiben. Die Politiker haben keine Ahnung, wie man damit umgehen müsste, überhaupt keine. Die Bevölkerung ist unmündig, die meisten Leute sind leider Analphabeten auf dem Gebiet der Konfliktlösung. Ich komme auf einige Charakteristika dieses Analphabetismus zurück. Damit habe ich also eine Kette angedeutet, die ich nicht als Kausalkette bezeichnen würde, sondern als Ausdruck einer gewissen Zeitreihe. Es fängt mit einem Konflikt an und der Konflikt findet keine Lösung. Der Hauptkonflikt in unserer Welt heute ist der Klassenunterschiede zwischen den Zivilisationen. Andere Konflikte sind zu finden in den Gebieten Geschlecht und Generation. Es gibt eine Menge, sie sind da, sie sind wichtig, wir reden darüber, aber wir lösen sie nicht. Dann kommt es so langsam durch Irritation, durch Frust, durch einen psychologischen Mechanismus zu der Enthumanisierung der anderen Seite. Dann fängt man mit Gewaltvorbereitungen an und schließlich kommt es zum Gewaltausbruch. 1
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