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Konflikt zwischen Arm und Reich

Um was für einen Konflikt handelt es sich also? Ich behaupte, es handelt sich um einen Klassenkonflikt. Der internationale Klassenkonflikt zwischen den reichen und armen Ländern und zwischen reichen und armen Menschen. Diese Konflikte sind weltpolitisch und innenpolitisch zu verstehen. Wie erklärt man dann, dass man diesen Konflikten so gerne arabische Namen gibt? Ich weiß überhaupt nicht ob das wirklich stimmt. Ich glaube um ganz ehrlich zu sein, Washington kein einziges Wort. Ich glaube zwar noch, dass Washington Washington heißt, aber das ist dann auch das einzige – ich kenne die Anschrift. Ich erinnere mich gut, wie das Gebäude in Oklahoma zerstört wurde. Da sah man eine Menge Menschen im Fernsehen, die Terrorismusexperten waren und viele haben behauptet, es sei typisch für den Osten. Ein Botschafter hat gesagt, es habe eindeutig die Signatur des Ostens. Und alles was wir dann noch brauchen ist zu wissen, von welchem Land der Terrorist kommt und dann kann man das Land bombardieren. Es hatte aber gar nichts mit dem Osten zu tun, sondern es kam aus dem Westen, aus den Vereinigten Staaten selbst. Ich war dann als Professor der Vereinigten Staaten eingeladen, um etwas dazu sagen. Ich habe dann gesagt, die Lösung sei doch völlig klar, der Mittlere Westen müsse unmittelbar bombardiert werden. Ich wollte, dass diese Leute endlich lernen, worum es geht. Dann hat aber jemand diese Worte benutzt, ohne die Einleitung dazu zu erwähnen und ich habe um Entschuldigung gebeten. Dies nur als kleine Seitenbemerkung.

‚Warum?’ ist wichtiger als ‚wer?’

Ich weiß noch nicht wer das getan hat, aber ich weiß warum. Ich glaube auch, dass die Fragestellung ‚warum?’ wichtiger ist als die Fragestellung ‚wer?’. Wenn man versucht so schlampig mit der Realität umzugehen, so dass man nur vom Terrorismus und vom Bösen spricht, dann ist ‚wer?’ wichtig, weil dann die Aufgabe klar ist: das Böse zu orten ‚and to crush’, wie Collin Powl das ausdrückt. Wenn man aber fragt ‚warum?’, dann gibt es fünf andere Möglichkeiten: die Konflikte zu identifizieren, Dialoge zu initiieren, Konflikte zu lösen, sich vielleicht – auf beiden Seiten, nicht nur die Vereinigten Staaten auch die andere Seite - für einige Dinge zu entschuldigen und Versöhnung. Das wäre ein Fünf-Punkte-Programm und ich werde das etwas detaillierter ausführen. Ich glaube jedenfalls dies wäre eine Lösung für die Menschen, die versuchen sich ein wenig über das Stadium des Vierjährigen zu erheben. Es gab zum Beispiel im amerikanischen Fernsehen eine Psychologin und sie hatte als Problemstellung die schwierige Frage, was man den Kindern sagen solle. Sie hatte ein Beispiel: ein amerikanisches Kind hat gefragt: „Mama, was haben wir getan, dass diese Menschen uns so hassen?“ Das ist eigentlich keine schlechte Frage. Die Antwort war : „Sieh mal, es gibt eben böse Menschen und es gibt gute Menschen“. Nun frage ich mich also, wer denn im Piaget-Stadium 1 und wer im Stadium 2 ist – es ist keine Empfehlung für ihr Psychologiestudium.

Mit diesem Fünf-Punkte-Programm eröffnet man neue Möglichkeiten. Mit der Vergeltungskette hat man keine Möglichkeiten, die Prognose für diese Wahl sieht nicht gut aus. Man muss hier einiges ganz klar sehen – die Zerstörungskraft der Vereinigten Staaten ist fast unbegrenzt. Es gibt eine bestimmte Zerstörungskraft und es gibt eine gewisse Verletzbarkeit: Z - V. Auf der Gegenseite haben sie viel weniger Zerstörungskraft, aber eben auch viel weniger Verletzbarkeit. Wenn man diese beiden Differenzen vergleicht, könnte man feststellen, dass die Gegenseite überlegen ist, es ist also Vorsicht geboten. Das wissen sie auch in Washington und deshalb habe ich die Angst, dass sie alle möglichen Wurzeln, die sie Terrorismus nennen, ausrotten wollen. Ich möchte hier auch etwas über diese Wurzeln sagen. Ich könnte eine Liste von Ländern nennen, die etwas länger ist und in denen die USA seit dem zweiten Weltkrieg unschöne Dinge getan haben. Dadurch könnte es dazu kommen, dass es dort einige gibt, die gerne Vergeltung ausüben möchten.

Guatemala, Honduras, El Salvador, Dominikanische Republik, Nikaragua, Panama, Kolumbien, Peru, Ecuador, Bolivien, Chile, Argentinien, Paraguay, Uruguay, Brasilien, Kuba, Grenada, Kongo, Angola, Mozambique, .... – wenn ich im Fernsehen an diesem Punkt angelangt bin, sagen die meisten Moderatoren „Herr Galtung, wird es noch lange dauern?“ Und ich sage dann „Ja, es wird noch lange dauern.“

... Somalia, Libyen, Palästina, Libanon, Syrien, Irak, Iran, Afganistan, Vietnam, Kambotscha, Laos, Indonesien, Korea, Nordkorea, Südkorea, Bosnien, Serbien, Kosovo, Macedonien.

Es ist also eine lange Liste. Wenn man diese Liste nicht kennt und nicht weiß, was vor sich gegangen ist, hängt das damit zusammen, dass man nicht in einem freien Land lebt und keine freie Presse hat. Diese Liste ist elementar. Die Dissidenten der CIA haben gesagt, dass der CIA von 1947 bis 1987 sechs Millionen Menschen getötet hat. Was sind das für Menschen? Kleinbauern mit Kooperativen, Gewerkschaftsleute, kleine Leute. Wo hat das stattgefunden. Zum großen Teil in den Republiken der Anden, in Südasien, teilweise in Westasien und in Schwarzafrika. Es hängt mit Klasse zusammen. Ich könnte die ganze Länderliste durchgehen und müsste feststellen, dass es mit Klasse zu tun hat. Dieser Klassenkonflikt hat sich aber bewegt. Jetzt versteht man darunter in Washington und in der westlichen Welt einen Konflikt mit Fundamentalisten und meint damit Mensche, die nicht denken. Vor zwanzig Jahren war es nicht so. Vor zwanzig Jahren richteten sich die Ängste auf marxistische Studenten in den lateinamerikanischen Universitäten, die Verbindungen zu Gewerkschaftsleuten und Kleinbauern hatten. Sie waren aufständisch und man hat versucht, es mit der Vokabel Kommunismus zu brandmarken und mit der Gefahr der sowjetischen Einmischung zu rechtfertigen. Wenn man noch zwanzig Jahre weiter zurück geht, ist man am Anfang des Vietnamkrieges. Es handelte sich dort überwiegend um vietnamesische Kleinbauern, arme Leute also, sowohl im Süden als auch im Norden. Wenn man verstehen möchte, wie die Leute im Westen darüber gedacht haben, kann man das Buch von Roberts McNamara ‚In Retrospect’[i] lesen. Noch zwanzig Jahre vorher war das Problem in Korea. Es gab ein Volk, das gerne zusammenleben möchte. Statt zu versuchen, zu verstehen, was es heißt, wenn ein Land in zwei Teile geteilt wird – die Deutschen haben es verstanden, aber sie hatten es nicht gewagt etwas zu sagen – schlägt man auf einen Teil los und versucht selbst gegen die Arbeiterklasse im Süden Bomben zu schmeißen.

Insgesamt sind ca. 10-12 Millionen Menschen gestorben, was vielfach mit der Gewalt der Vereinigten Staaten zu tun hat. Es hat auch mit einer Mischung von Größenwahn und Paranoia zu tun. Es gibt Leute, die auf der selben Seite sind und ich glaube, dass sie der gemeinsame Nenner der Klasse verbindet.


[i] „In Retrospect : The Tragedy and Lessons of Vietnam“ - von Roberts McNamara, Brian Vandemark, Vintage Books USA (März 1996)

 

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