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Zivilisation und Islam

Man ist nach Irak, Iran und Afghanistan gekommen, durch Libyen, Syrien und den Libanon und den ewig andauernden Konflikt, der mit der Unterdrückung der Palästinenser zu tun hat. Amerika hat wahnsinnige Ängste, dass ein eigenständiger palästinensischer Staat als Ermunterung und Präzedenzfall dienen könnte für andere Volksgruppen, die auch in der Nähe und in den Vereinigten Staaten selbst Unabhängigkeitsbestrebungen zeigen. Schließlich richtet sich die Aufmerksamkeit nun diesem Teil der Welt zu. Korea und Vietnam sind fast vergessen und auch was sich in Lateinamerika abgespielt hat. Ich glaube aber, dass es nicht in den Herzen der Menschen vergessen worden ist. Und ich glaube auch, man sollte nicht das Solidaritätsgefühl im Süden, in der dritten Welt unterschätzen. Es könnte also sein, dass diejenigen, die die Terroranschläge begangen haben, das Gefühl haben, sie haben viele Leute hinter sich. Es gibt nicht nur die Opfer die getötet wurden, sondern auch immer mindestens zehn, die zurückgeblieben sind, Verwandte, Freunde, Kollegen, Nachbarn. Insgesamt könnte man dann von ca. 120 Millionen Menschen sprechen. Das könnte also ein außerordentliches Potenzial an Hass darstellen. Ich würde sogar mit 500 Millionen rechnen. Das vorhin erwähnte Kind, welches die Frage stellte, hat also eine gute Frage gestellt. Sieht man die Dinge auf diese Weise, ist die Prognose, dass es weitergehen wird. Diejenigen, die die Terroranschläge geplant haben, haben vielleicht auch noch weitere vierte und fünfte Phasen geplant. Man könnte in diesem Zusammenhang auch die Frage stellen, wo das Uran geblieben ist, das aus Russland verschwunden ist. Man könnte noch viele Fragen aufwerfen.

Ich habe eine Liste von Methoden – als Friedensspezialist bin ich gleichzeitig auch Gewaltspezialist – aber diese Liste werde ich niemals veröffentlichen. Die wird mit mir sterben, denn ich möchte niemandem solche Ideen weitergeben. Ich kann aber sagen, dass ich schon seit wenigstens zwölf Jahren eine solche Situation, wie sie eingetroffen ist, befürchtet habe. Ich war mir außerordentlich sicher, dass so etwas eintreten wird.

Die Situation ist also sehr gefährlich, denn nun handelt es sich nicht um einfache Studenten in den Anden oder Kleinbauern usw.. Es ist nun potenziell eine Frage einer ganzen Religionsgemeinschaft. Jeder Muslim ist, wenn der Islam als solches bedroht ist, im Prinzip bereit, sein Leben zu opfern. Damit habe ich nicht gesagt, dass sie gewalttätig sind. Ich glaube, dass dies nur eine kleine Minderheit ist und es große Gruppen gibt, die sich gewaltlos einsetzen könnten. Und 1,2 Milliarden Menschen sind einen Menge. Ich bin nicht davon überzeugt, ob 1,5 Milliarden Christen diese Bereitschaft aufbringen. Ist es also gegen den Islam gerichtet, wenn Bush über Kreuzzüge redet oder sein Verteidigungsminister davon spricht, dass es möglicherweise 6o Staaten auf der Welt gibt, die man als Wirtsstaaten für Terroristen bezeichnen könne. Das zeichnet ein düsteres Bild. Wenn Bush in eine Moschee hineingeht, sieht das schon besser aus. Wenn der Berlusconi dann ein Rede gibt und behauptet es gäbe noch Länder, die nicht vom westlichem Lebensstil erobert sind, und es Zeit werden würde, dass das geschieht, sieht es schon wieder schlimm aus. Ich würde aber trotzdem auch heute noch behaupten, dass es kein Krieg der Zivilisationen ist. Trotzdem gibt es etwas sehr gefährliches. In meiner Einleitung habe ich von der Phase zwei – Enthumanisierung und Polarisierung – gesprochen. Es gibt in den abrahamitischen Religionen – besonders im Christentum und Islam, etwas weniger im Judentum – drei Figuren oder Archetypen, die in uns eingegraben sind. Sie sind Dualismus-Manichäismus[i] und das Armageddon. Die Welt ist in zwei geteilt, und zwar die bösen und die guten Kräfte – wir sind natürlich auf der guten Seite – aber es wird trotzdem mit einem Armageddon enden. Ein Buch, das man Bibel nennt ist so geschrieben und man findet die selben Töne im Koran. Man könnte also sagen, dass die Gläubigen in diesen abendländischen Religionsgemeinschaften schon vom Ausgangspunkt aus vollständig polarisiert sind, wenn sie Anhänger der hart ausgelegten Fassungen dieser Religionen sind.

Es gibt im weißen Haus einen texanischen Fundamentalisten. Es gibt auf der anderen Seite auch Fundamentalisten, das stellt genau die harte Seite dar. Es ist also höchste Zeit, dass die sanfteren Kräfte im Islam und im Christentum sich die Hände reichen, und überall auf der Welt einen Versöhnungsdialog einleiten.

Wir dürften niemals die Politik den Harten überlassen. Den Fehler macht man leider ganz häufig, und zwar weil sie sehr überzeugend wirken und alle dasselbe sagen: wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Das ist Dualismus. Das ist ganz klar Manichäismus. Und damit bereiten sie das Armageddon vor. Fahren wir nicht in diesem Kielwasser.

Was können wir also tun? Ich habe es bereits angedeutet, zuerst die Konflikte identifizieren und dann Dialoge und Lösungen finden. Ich werde unmittelbar zwei Lösungen vorschlagen, die ganz einfach sind, es wird nicht viel kosten.

Bin Laden - ob er etwas damit zu tun hat oder nicht spielt eigentlich keine Rolle - er artikuliert etwas. Es könnte sogar sein, dass das was er sagt wichtiger ist, als das, was er vielleicht getan hat. Er hat zehn Jahre lang auf der Seite Amerikas gegen die Sowjets gekämpft - 1979 bis 1989. 1986 hat Gorbatschow den Rückzug der Sowjetischen Truppen eingeleitet und Afghanistan war das Vietnam der Sowjets.

Die Afghanen sagen, dass sie fünf Millionen Menschen verloren haben - getötet, verletzt, vertrieben, Flüchtlinge und Diaspora. Sie sagen auch, dass es eigentlich ihnen zu verdanken sei, dass der kalte Krieg verschwunden ist, weil sie die Sowjets nicht nur gedemütigt sondern eigentlich geschlagen haben. Sie sagen weiterhin, dass sich niemand vom Westen bei ihnen bedankt hätte, kein einziges Wort. Der Hans Dietrich Genscher zum Beispiel hat sich höchstens selbst ein Lob für seinen Einsatz gegeben. Afghanistan könnte das durchaus anders sehen, aber das nur als Nebenbemerkung. Das ist nur ein Teil dessen was auch Bin Laden zum Ausdruck bringt, etwas anderes ist das folgende: Arabien ist das heilige Land der Moslems mit zwei heiligen Stätten. Und dort gibt es amerikanische Militärrechte. Bin Laden war, zu seinem Heimatort zurückgekommen, schockiert über das was er da vorgefunden hat. Und er hat gesagt: ”Weg mit euch - raus.” Doch die Moslems haben die Erfahrung, dass die Westler nie hören, was sie sagen. Selbst auf das Gebrüll hören sie nicht. Sie sagen sich:

„Wir haben 1400 Jahre versucht zu erklären, was Djihad[ii] heißt, es heißt nicht ‚Heiliger Krieg’, es  heißt ‚Anstrengung für die reine Lehre’.“ Die vierte Etappe davon ist die defensive Verteidigung und das haben sie nur dreimal gemacht: gegen die Kreuzzüge, gegen den Zionismus und gegen den Kommunismus in Afghanistan, das war der große Djihad. „Aber es spielt keine Rolle, was wir sagen, die hören sowieso nichts. Also kommen wir ab und zu auf den Gedanken, dass die einzige Sprache, die die Westler verstehen, Gewalt ist - also werden wir es mit Gewalt sagen.“ Dies sagen wohlgemerkt Einzelne. Dann gab es zum Beispiel Angriffe auf amerikanische Militärbaracken und gegen ein amerikanisches Kriegsschiff.

Die Beschlussfassung von Amerika gestern war, dass sie die Bombenangriffe auf Afghanistan von Basen in Saudi-Arabien ausüben werden und sie sind überzeugt, dass sie dort mitmachen, wenn man nur die Extremisten bebombt. Das ist keine gute Antwort. Die Antwort wäre, die Truppen zurückzuziehen. Die Welt würde dadurch nicht zusammenfallen.

Aber was tut man dann mit den Terroristen? Man könnte eine Polizeiaktion durchführen. Diese Polizeiaktion macht man genau so, wie man im allgemeinen bei Kriminellen eingreift – als erstes eine Fahndung. Wenn ein Mörder beispielsweise sich in einem Wald versteckt, bombardiert man auch nicht den ganzen Wald. Das ist nicht die geeignete Methode, man sollte eine Fahndung machen. Diese Methode wird von der Polizei in aller Welt angewandt, es gibt Polizeien, die es besser macht und es gibt Polizeien, die das nicht so gut können, aber es wäre möglich. Ich bin auch der Meinung, dass man die Schuldigen der Attentate finden muss und vor ein Gericht stellen sollte. Aber ich möchte gerne vor diesem Gericht hören, was sie zu sagen haben. Also nicht nur die Antworten auf die Fragestellung der Richter, sondern was sie wirklich zu sagen haben.

Erlauben sie mir eine kleine Randbemerkung. In Norwegen gab es einen Hochverräter, der behauptete, dass der wirkliche Feind in Europa die Sowjetunion und nicht Nazideutschland sei und deswegen mit Nazideutschland zusammen gegen die Sowjetunion gekämpft werden sollte. Er wurde hingerichtet, ohne die Möglichkeit im Gericht des rechtstaatlichen Norwegens zu haben, zu erläutern, wie er die Lage gesehen hat. Vier Jahre nachdem er erschossen wurde, wurde dies zur offiziellen Außenpolitik Norwegens. Er war also ein wenig zu früh damit. Ich bin kein Bewunderer, kein Anhänger von ihm, ich sage nur, dass man den Mut haben muss, diese Seite zu hören.

Also- Truppen zurück. Dürfte man sich entschuldigen? - ja. Ein Natokommando im Vatikanstaat wäre auch keine gute Idee. Es könnte sein, das einige Katholiken sich ein wenig verletzt fühlen würden. Ein Muslimisches Oberkommando in einem besetzten Vatikanstaat? Auch keine gute Idee - es könnte sogar sein, dass es zu einem Rückschlag kommen würde.

Hat man also überhaupt verstanden, was das heißt. Oder kennt man nur die Vokabel Fundamentalisten für die Leute, die so reden, wie ich den Bin Laden zitiert habe. Damit werden Vernunft, Rationalität wirkliche Gefühle abgesprochen.


[i] Manichäismus – von dem Propheten Mani (216 - 276). Streng dualistisch aufgebaut. Er sieht die Welt von zwei ewigen, im Grunde aber gleichrangigen Prinzipien durchwirkt: Zum einen das Gute und zum anderen das Böse, denen andere Gegensatzpaare, wie Licht und Dunkelheit, Körper und Seele, Leben und Tod, an die Seite gestellt werden.

[ii] Djihad, derarabisch: Bemühen – der vom Islam geforderte unbedingte Einsatz eines gläubigen Moslems für Allah, die Verbreitung des Islams und die Verteidigung des islamischen Herrschaftsgebietes gegen Feinde.

 

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